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Interview mit Triton

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Triton
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Interview mit Triton

Beitrag von Triton »

Frager: Sei gegrüßt, Triton. Gleich mal vorneweg - wieso gibt es denn unter der Kategorie 'Interviews' hier keine Interviews?

Triton: *lacht* Ich verstehe die Frage nicht ganz, das hier ist doch ein Interview, oder?

Frager: Ach so, stimmt. Schnell Themenwechsel - Du hast eben gelacht. Dürfen Goths denn lachen?

Triton: Nur im Keller. Dehalb gehen sie gerne in Keller, nennen sie Grüfte, hören gotische Musik, haben Spaß und lachen mitunter, wenn keine Uneingeweihten zuschauen. Beim Blick auf den Mainstream vergeht ihnen allerdings das Lachen. Deshalb wirkt es immer so, als würden Goths nie lachen.

Frager: Die Musikrichtung Dark Wave / Gothic ist doch aber nicht gerade erheiternd, oder?

Triton: Erheiterung ist hier kein Kriterium. Darum geht es nicht. Wahrer Spaß entsteht nicht aus Erheiterung, sondern aus Erhebung. Diese Musik wirkt im Idealfall erhebend. Das ist wahrer Spaß.

Frager: Auf viele Mainstreamer wirkt diese Musikrichtung aber irritierend im Sinne von traurig, depressiv, zu ernst...

Triton: Da muß ich jetzt etwas weiter ausholen. Die Wirkung dieser Musik ist stark abhängig davon, wer ihr lauscht. Da müssen quasi Sender und Empfänger zusammenpassen, sonst wird das Ergebnis frustrierend sein. Wenn es allerdings zusammenpaßt, wird es magisch. Das ist dann wie ein Medikament, das nur bei denen wirkt, die die richtigen Rezeptoren dafür haben. Ich würde sagen, ein gewisser Tiefgang statt Oberflächlichkeit, Unangepaßtsein statt Stromlinienförmigkeit, Empfindungsfähigkeit statt emotionaler Kälte und Unabhängigkeit statt Opportunismus sind hier das Fundament.

Frager: Sehr interessant... wird das Interview denn fortgesetzt?

Triton: Mal schauen. Interviews sind eigentlich Mainstream. *lacht*

[Zeit ging ins Land...]

Frager: Moin, Triton. Wieder da? Ich dachte, Interviews seien Mainstream...

Triton: Ja, das hier nicht.

Frager: Was ist das Konzept? Das liest doch kein Mensch hier. Foren sind tot. Social Media rule.

Triton: Die Frage gefällt mir. Ehrlich. Das ist genau das Konzept - ein digitales Sediment in einem toten Forum. Genau mein Ding. Geht es gotischer? - Das sind hier einfach ein paar Ansichten und Erinnerungen, die erstmal kein Mensch liest und im besten Fall im Netz konserviert bleiben. Irgendwann kommt vielleicht ein Forscher von einer Uni, der am Lehrstuhl für Gothic und Dark Wave arbeitet, und findet das hier als Primärquelle. Würde mich durchaus freuen. Aber wenn das jetzt Dutzende lesen würden, wäre ich raus. Abbruch. Bloß nicht...

Frager: Das klingt alles ziemlich urgotisch, im Sinne von Alte Schule...

Triton: Kann schon sein. Ich bin ja schon etwas länger dieser Musikrichtung zugeneigt. So seit Mitte der 1980er Jahre.

Frager: 40 Jahre ist das jetzt her. Das sind ja Äonen. Was hat sich geändert seitdem?

Triton: Alles. *lacht* Nein, aber gefühlt ist das schon ein gewaltiger Unterschied. Anfang der 1980er Jahre ging es ja los mit Post Punk, das waren die Anfänge, daraus hat sich alles entwickelt. Und das war die Zeit des Kalten Krieges. Die Grundstimmung war eine ganz andere, es war dystopisch. Verzweiflung. Frustration. Das Motto 'No Future' des Punk hatte sich quasi auf den Post Punk übertragen, aber in einem produktiveren Sinn. Post Punk war zelebrierte Verzweiflung, nicht destruktiv, sondern eine Überlebensstrategie, eine Art Energietankstelle. Diese Musik war anders, sie traf den Nerv derer, denen Punk, Rock und Pop keine Antwort gaben. Da steckte eine Kraft dahinter, die mythisch war. Aus Post Punk entwickelten sich dann Dark Wave und Gothic, und die Szene war plötzlich da. Ich kann mich an keine Post Punk-Szene erinnern, das kam erst später mit Dark Wave und Gothic.

Frager: Dark Wave und Gothic hatten wenig Überschneidungen mit anderen Szenen?

Triton: Nein. Überhaupt war alles dogmatischer damals. Die ganzen Szenen waren abgeschottet und zum Teil regelrecht verfeindet. Ja, tatsächlich. Das glaubt man heute kaum. Inbesondere gab es keine Überschneidungen mit Metal oder Pop. Undenkbar. Eine klitzkleine Überschneidung gab es interessanterweise mit Psychobilly, da steckte ja auch Punk drin - bestes Beispiel: The Cramps. 'Human Fly' etwa war ein Klassiker auf gotischen Tanzflächen! Und es gab eine klitzkleine Überschneidung mit der Neuen Deutschen Welle - Xmal Deutschland waren sowohl NDW als auch Goth. Allerdings hat das in Deutschland kaum einer mitbekommen, weil die in UK viel berühmter waren als hierzulande... Aber Summa Summarum: Alles abgeschottet. Man blieb unter sich und war sich sicher, daß kein anderer die Szene verstehen würde und könnte. Das wurde als Qualitätsmerkmal hochgehalten.

Frager: Wann und wie hat sich das dann geändert?

Triton: Mitte der 1990er Jahre. Ziemlich genau 1993/94. Da kam plötzlich Grunge hoch, also insbesondere durch Nirvana, obwohl das abgefeierte Album 'Nevermind' ja schon 1991 rauskam. Aber ab 1994 hat die Grunge-Welle alles überrollt, direkt gefolgt von der Metal-Welle bzw. gleichzeitig. Metal war früher eine Nische wie Dark Wave / Gothic, aber plötzlich wurde das aufgeblasen bis zum Geht-nicht-mehr. Tja, und so kam Dark Wave / Gothic unter die Räder, die Szene wurde regelrecht zerschlagen. Ich hätte das niemals für möglich gehalten. Man macht sich ja heutzutage keinen Begriff, wie groß die Szene ursprünglich mal war. Ich würde schätzen, daß es heute etwa 25% der Größenordnung von damals ist. Kein Vergleich jedenfalls. Metal und Dark Wave / Gothic waren ja Nachbarn, aber dann überrennt der Nachbar plötzlich deinen Garten, weil sein Grundstück zu voll ist. Und das ohne böse Absicht. Er fängt dann an, seine Lieder zu spielen - und es ist vorbei mit der sortenreinen Szene. Aber ich will hier nicht schwarzmalen (sensationelles Wortspiel - gemerkt?). Es gab ja Überlebende. Und es gibt sie immer noch.

Frager: Das war mir nie so bewußt. Das war früher alles stärker abgegrenzt?

Triton: Absolut. Daher kam auch die Anmutung des Elitären, die in der Szene durchaus vorhanden war. Außenstehende konnten einfach auch nicht begreifen, wie man 'diese' Musik hören und gut finden konnte. 'Diese Musik' war eben nahezu frei von Einflüssen, die in andere Genres reichten, das war schon besonders. Heute gibt es beisielsweise auch viele Einflüsse, die in den Popbereich reichen, das merkt man an manchen Melodiebögen oder gleich am ganzen Song. Entspricht so gar nicht der reinen Lehre. *lacht* Aber gut, alles ist in Bewegung. Panta rei. Früher war halt alles auch ein wenig, nunja, robuster möchte ich sagen. Vielleicht wäre einigen heutzutage die Stilrichtung der 80er Jahre zu - jetzt muß ich echt aufpassen, wie ich es sage - zu kühl, depressiv, traurig...? Nur so ein Gedanke. Früher hätte man gesagt, Leute - falsche Szene vielleicht ausgesucht? Heute ist alles viel konsensorientierter.

Frager: Gibt es frühere Bands, die heute so nicht mehr denkbar wären?

Triton: Ja, klar! Bestes Beispiel ist Joy Division, eine der Wurzeln, eines der Fundamente des Goth. Das ist so roh, so hochdosiert, so kühl... So etwas kann nur aus einer gewissen Zeit heraus entstehen. Joy Division sind für mich wie ein Denkmal. Vor 30 oder 40 Jahre konnte man sagen: Hör dir Joy Division an, wenn dich diese Musik anspricht, bist du hier richtig, wenn nicht, wird es knifflig - dann hör dir die ersten Sisters-Sachen an [The Sisters of Mercy; die Redaktion]. Wenn das auch nix für dich ist - danke für den Besuch. Oder halt, letzter Versuch - frühe Stücke von The Cure? Auch nicht? Gut, muß ja nicht jeder dabeisein. *grinst*

Frager: Die Szene war also damals völlig homogen?

Triton: Nein! Absolut nicht! Sie war nur innerhalb engerer Grenzen heterogen. Oh wie krass - das klingt ja wie aus einem Lehrbuch. Soll heißen: Die Unterschiede spielten sich zwischen feinen Nuancen ab. Wenn ich allein an dieses Aufregerthema Sisters oder The Mission denke... Wayne Hussey hatte nach dem ersten Album 'First and Last and Always' von The Sisters of Mercy, das 1985 erschien, die Band verlassen und The Mission gegründet. (Wayne Hussey war übrigens vor seiner Sisters-Zeit Gitarrist bei Dead or Alive, aber das nur am Rande). Jedenfalls gab es in der Szene zwei Fraktionen: Die einen fanden The Sisters of Mercy besser, die anderen The Mission. Da gab es endlose Diskussionen. Ich habe das weniger dogmatisch gesehen, aber hatte die Tendenz zu Sisters, die waren auch tanzbarer.

Frager: Wayne Hussey war Gitarrist bei Dead or Alive? Die mit 'You Spin Me Round'...?

Triton: Aye! Die waren mal richtig Goth. 'You Spin Me Round' war ja vom sehr erfolgreichen Produzenten-Trio Stock Aitken Waterman, das ging vom Stil so in Richtung High Energy, aber vorher war das eine Goth Band. Wobei ich ehrlicherweise sagen muß, daß ich 'You Spin Me Round' besser fand als die älteren Sachen. Es war kein Pop, es hatte immer noch etwas Distinguiertes. Sehr gute Nummer. Nur eben kein Goth mehr.

Frager: Dann lief damals eine Goth Band im kommerziellen Radio...

Triton: *grinst* Naja, das hatte ewig gedauert, bis das mal im Radio lief, und es lief dann ja auch nur dieser Non-Goth-Song. Bei der Gelegenheit muß ich auch mal sagen, daß ich die Diktatur des Kommerz-Dudelfunks brutal finde. Die sagen immer, sie würden Vielfalt spielen - alles Quatsch. Selbst bei Bands, die sie gnädigerweise spielen, kommen immer dieselben Stücke, obwohl es von den Bands noch bessere gibt! Beispiel gefällig? The Killers. Es wird ständig 'Human' gespielt, obwohl sie mit 'Mr Brightside' eine großartige Hymne geschaffen haben, die in UK seit Jahrzehnten abgefeiert wird, aber man hört sie hier fast nie im Radio. Was soll das?

Frager: The Killers, wirklich gute britische Band...

Triton: Die kommen aus den US of A, aber lasse ich mal gelten. The Colonies halt. *lacht sich schlapp* Und jetzt bitte bloß keine Fragen zum Thema Mainstream-Radio.

Frager: Keine Sorge. Stattdessen eine Frage zur zeitlichen Entwicklung - wie hat sich das entwickelt? Generellsomäßig...?

Triton: Das ging in UK los, soweit ich weiß. Die Briten haben Gothic erfunden, oder? ;-) Und Post Punk eh. Das schwappte dann nach Deutschland rüber, ich würde sagen, wir waren die nächsten. In London hingen doch die Punks immer am Piccadilly Circus ab. Ist das noch so? *lacht* Na, jedenfalls sind in den 1970ern/80ern schon viele gerne nach London gefahren, gerade wegen der unabhängigen Szenen, den Klamottenläden und natürlich wegen den Plattenläden. Natürlich wurden dann die letzten Independent-Trends importiert nach Deutschland. Von Punk ging das dann über zu Post Punk, und der Rest ist Legende.

Frager: Wieso hatte denn das UK eine solche Affinität zu Gothic?

Triton: Das lag zum einen am Wetter und zum anderen an der wirtschaftlichen Entwicklung. Steile These, ich weiß. Aber es spricht vieles dafür. Dort regnet es viel öfter, und der wirtschaftliche Umbruch in den 1970er/80er Jahren hinterließ Spuren, die immens waren. Heruntergekommene Industriebrachen, Arbeitslosigkeit, Trostlosigkeit. Und Gothic lieferte dazu den Soundtrack. Das mußte ja quasi entstehen bei dem Wetter und den Stadtlandschaften. Wer mal in den 1980ern oder frühen 1990ern durch die Docklands von London ging, weiß, wovon ich spreche. Oder Manchester. Manchester bei kaltem Regenwetter zu der Zeit - mehr geht nicht. Und jetzt rate mal, wo Joy Division herkamen.

Frager: Uhm... Nürnberg? *grinst*

Triton: *lacht* Mein Humor. Daumen hoch. Alles klar, ich sehe, so kommen wir weiter.

Frager: Wie dogmatisch war es seinerzeit mit szenetypischem Aussehen?

Triton: Das war nicht dogmatisch. Da gab es alles von Vollkostümierung bis ziemlich unauffällig (ich). Ich würde sagen, da hat sich nicht sooo viel verändert. Es ging schon immer in erster Linie um die Musik. Natürlich konnten sich alle darauf einigen, daß schwarze Kleidungsstücke eine Hauptrolle spielten, aber niemand mußte komplett in Schwarz rumlaufen oder sich zwingend die Haare färben, um dazuzugehören.

Frager: Unterschied sich Gothic in den 1980ern/90ern musikmäßig in UK und Deutschland?

Triton: Zu Beginn kaum, es kam ja zunächst alles von der Insel rübergeschwappt. Als dann immer mehr deutsche Bands hochkamen, wurden Unterschiede deutlich. Während Xmal Deutschland noch ziemlich nah am Post Punk-Vorbild aus UK waren, gab es später Strömungen, die sich deutlich absetzten. Vor allem diese stark poetisch geprägten Sachen wie Goethes Erben, das war schon eigenständig. Überhaupt wurde Gothic in den frühen 1990ern in Deutschland oft von intellektuellen Aspekten durchdrungen, sehr tiefgründigen Texten mit untanzbar langsamer musikalischer Untermalung. In UK lag der Schwerpunkt dabei aber schon immer auf Tanzen. Die meisten Songs dort hatten zumindest soviel BPM [Beats per Minute; die Redaktion], daß man darauf tanzen konnte. Dieser Ansatz gefällt mir persönlich besser, aber das ist Geschmacksache...

Frager: Tanzen ist ja ein weites Feld...

Triton: Alles außer Totenstarre ist Tanzen! *lacht* Aber welche Musikszene außer Gothic kann so gut auf unterschiedlich schnelle Songs eine so gute Tanzantwort finden? Nach unten ist es schnell limitiert, aber Grave Digging macht es möglich, selbst langsamere Stücke auf der Tanzfläche stilvoll umzusetzen, vorzugsweise bei Kunstnebel. *grinstbreit*

Frager: Der Totengräbertanz...

Triton: Ja, uuuh, klingt gruselig und trifft es meines Erachtens nicht so richtig. Ehrlich, ich wußte lange Jahre gar nicht, daß dieser Tanzstil überhaupt einen Namen hat. Wenn man so ein Grab ausheben möchte, wird das nix, aber gut. Alles muß ja immer einen Namen bekommen. Letztens hab ich im Netz gelesen, daß einer wissen wollte, wie man in den 1980er Jahren als Goth getanzt hat, da ging es also um Grave Digging. Geht da etwa Wissen verloren? Weiß das etwa nicht mehr jeder? *grinst* Jedenfalls funktioniert das ja auch nur gut bei halbleerer Tanzfläche. Drei Schritte brauchen schon Platz, verkürzt auf zwei geht es gerade noch, drunter ist es nicht machbar. Aber so werden selbst langsame Stücke tanzbar. Wo andere Szenen an ihre Grenzen stoßen, wird es bei Goths erst interessant.

Frager: Auf den Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen. Ich muß mal einen YouTube-Tanzkurs gucken...

Triton: Wehe, sowas gibt es bei YouTube... Das wird natürlich nur durch Anschauen und selbst Ausprobieren in unabhängigen Tanzgewölben auf die nächste Generation weitergegeben.

Frager: Ginge auch eine alte Industriehalle?

Triton: Jou, geht auch. Das Ambiente muß halt stimmen - und die Musik.

Frager: Wie hat sich Dark Wave / Gothic geographisch weiterentwickelt? Globalsomäßig?

Triton: Das ist mittlerweile flächendeckend, würde ich sagen. Immer, wenn ich denke, in dem oder dem Land gibt es diese Szene nicht, finde ich plötzlich eine Band, die dort herkommt oder lese etwas drüber... Bestes Beispiel: Chile. Klar, da gibt es nix in der Richtung, denkt Triton. Aber wenn er denn mal denkt, geht es gern daneben... Vioflesh kommen aus Chile! Und die setzen Dark Wave richtig gut um. Oder Italien... They Die kommen tatsächlich aus Italien. Volare, cantare halt... hehehe... Scherz. Also da hört man ja nun null heraus, aus welchem Land sie kommen, soll heißen: Handwerklich super umgesetzt. Manchmal denke ich, aktueller Dark Wave / Gothic ist teilweise besser als manche Sachen von vor 30 oder 40 Jahren. Und da meine ich jetzt nicht den technischen Fortschritt im Aufnahmestudio, sondern die Songs an sich. Uuuuund dann USA: Die Musikrichtung tauchte dort schon relativ früh auf, und jetzt kommen einige neuere, richtig gute Bands dorther. Aus Texas oder Kalifornien - der Sunshine State. Surfin' Feelin'. Kommst du nicht drauf. Beispielsweise Twin Tribes (Texas) oder Soft Vein (Kalifornien).

Frager: Kalifornien... Wie paßt das zur These zum Zusammenhang von Dark Wave / Gothic mit Klima und britischen Stadtlandschaften...?

Triton: Da hat aber einer richtig gut aufgepaßt. Respekt. Das wäre doch mal eine nettes Prüfungsthema am Lehrstuhl für Gothic und Dark Wave, wenn einer promovieren möchte zum Dr. Goth: 'Reflektieren Sie die Auswirkungen von Klima und Stadtlandschaften auf die Etablierung von Dark Wave und Gothic in unterschiedlichen geographischen Habitaten.'

Frager: Knifflig...

Triton: Schnick-schnack. Da muß man einfach differenzieren zwischen Generieren und Adaptieren. Ich würde sagen, entstehen kann eine solche Musikrichtig nur in Habitaten wie UK, während sie sich überall etablieren kann, wenn der bereits existierende Musikstil einfach adaptiert wird. Dann kann es auch in Kalifornien klingen wie in London 1984. Wobei am Beispiel von Soft Vein ein Stilbruch zu vermelden ist...

Frager: Was geht ab bei Soft Vein?

Triton: Das ist die richtige Frage - was geht denn jetzt ab? Zum Hintergrund: Soft Vein haben sich in den letzten Jahren mit sehr gutem Dark Wave nach klassischer Rezeptur verdient gemacht. Allein 'Violentia' ist schon Premium. Kürzlich erschien ein neuer Song, der lupenreiner Pop in einer fast schon übersteigerten Form ist - 'Chekhov'. Ich will jetzt hier kein Werturteil abgeben, aber das ist schon disruptiv. Erklärung habe ich keine, aber vielleicht möchte sich Justin Chamberlain ja einfach einen kleinen Scherz erlauben. *zwinkert*

Frager: Sprung zurück ins UK - gab es ein besonderes Event oder einen besonderen Platz in den London Docklands mit Bezug zu Dark Wave / Gothic?

Triton: Dazu fällt mir ein Pub ein - 'The Tidal Basin Tavern', dort traten auch Bands auf. Ende der 1970er, ich glaube 1977, traten dort Siouxsie and the Banshees auf, die waren ja auch stilprägend. Und nein, ich war nicht auf dem Konzert, so alt bin ich nun doch nicht. Leider gibt es das Pub nicht mehr, hat wohl 1990 zugemacht und wurde nach 2012 irgendwann abgerissen. Heute erinnert nichts mehr daran.

Frager: Wo genau war dieses Pub?

Triton: Das war bei den Royal Docks, also ziemlich im Osten der Stand. Westlich vom Royal Victoria Dock, von Straßen umzingelt. Keine Gegend, in die sich Touristen verirrt hätten. Schönes Gebäude, aber die Struktur war wohl so marode, daß sie es abgerissen haben. Heute steht genau an der Stelle so ein rundgelutschtes Wohnhochhaus. Not my cup of tea.

Frager: Heißt es eigentlich das oder der Pub?

Triton: Ja, genau. Es heißt das oder der Pub. *lacht*

Frager: Gibt es eine Gegend in den Docklands, die auch heute noch eine gewisse Ausstrahlung besitzt für Gotik-affine Menschen?

Triton: Mein Top-Tipp wäre Wapping, am Nordufer der Themse. Das ist gut erreichbar mit der Tube, und man hat zwei sehenswerte alte Pubs, die man ansteuern kann. Von der Tube Station 'Wapping' erstmal nach Westen, immer die Wapping High Street entlang zum Pub 'Town of Ramsgate' neben der Oliver's Wharf, direkt bei den Wapping Old Stairs. Gegenüber liegt übrigens ein alter Friedhof. Dazu empfehle ich Nebel, Dämmerung und Nieselregen. *grinst* In der anderen Richtung, also nach Osten, kommt man zum 'Prospect of Whitby' mit direktem Blick auf die Themse vom Pub aus. Was man auf dem Weg so alles an alten Lagerhäusern sieht, ist schon beeindruckend. Das sind zwar heute alles teure Wohnungen, aber trotzdem: Da kommt Stimmung auf!

Frager: London ist also nach wie vor ein Fokus?

Triton: Klar. Die Stadt ändert sich ständig, aber es bleibt genug Substanz. Und allein bei den Preisen dort kommt automatisch eine gruftige Stimmung auf. *grinst* So vor 30 Jahren war es noch so, daß manche Musikveröffentlichungen, also von CDs, im UK früher stattfanden als in Deutschland. Heute irrelevant - siehe Spotify -, damals schon. 1993 kam dort das Sisters-Album 'A Slight Case of Overbombing' ein, zwei Wochen früher raus. Ich war gerade in London und habe gleich die CD gekauft. Und dann schaue ich genauer auf die CD-Hülle: 'Printed in Germany'. Ich war bedient. *zwinkert*

Frager: Mal wieder vorspulen fast Richtung Gegenwart. Emo und Gothic - verwandt oder unvereinbar?

Triton: Woah, geht's noch heikler? Ich will es mal diplomatisch ausdrücken: So wie ich die Definition von Emo mitbekommen habe, sind das nun echt zwei Paar Schuhe. Ich meine - Gothic kommt aus dem Post Punk, das muß man immer mitbedenken. Das ist schon ein anderes Kaliber, eine andere Herkunft (UK vs USA). Gut, da mag es modische Aneignungen durch Emo gegeben haben, sei's drum, aber das macht noch keine echte Gemeinsamkeit. Wieder einmal ist es die Musik, um die es geht, und die unterscheidet sich deutlich. Aber gibt es Emo denn überhaupt noch? Ich würde sagen, das ist im wesentlichen durch. Ich bin aber nun echt kein Experte, wenn es um Emo geht. Unwissende bezeichnen Goths mitunter als Emos, das ist so gruselig... Aber Majestätsbeleidigung wurde ja aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. *zwinkertschonwieder*

Frager: Ist die Dark Wave/Gothic-Szene überaltert?

Triton: Ich habe jetzt gerade keine Goth-Zählung parat, aber ganz generell zeichnet sich diese Szene ganz klar dadurch aus, daß sie keine reine Jugendszene ist. Das liegt zum einen daran, daß es sie schon eine ganze Weile gibt, und zum anderen daran, daß sie vom Grundcharakter her eine erwachsene Szene ist, keine infantile Krawallszene oder so etwas.
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